Ich hab heute die Druckfahnen bekommen


Ich wollte schon sehr lang mal den Satz sagen können: Ich hab heute die Druckfahnen bekommen. Heute kamen meine ersten Druckfahnen für meine allererste Veröffentlichung in einer Anthologie.

Druckfahne hört sich wie etwas an, das ein Druckereimitarbeiter nach einem harten Arbeitstag in einem Maschinenraum ohne natürliches Licht  hat, aber tatsächlich ist es eine Vorschau auf den Text, wie er nachher gedruckt aussehen wird. Der Grafiker oder die Grafikerin hat also mein schönes Geschreibsel von einer Word-Datei in ein Layoutprogramm gesetzt und Grafiken, Fotos, Seitenränder, Schnittränder eingefügt. Und ich muss / kann noch mal drübergucken, ob z.B. Zeilenumbrüche, Absätze, Trennungszeichen stimmen, all so’n Kram. Und ich habe heute drei Schreibfehler gefunden, die unserem Oberlektor entgangen sind. Man schreibt z.B. „Schienenbein“ nicht wie die Schiene, sondern Schienbein. Die Druckfahne ist quasi das letzte Ultraschallbild, bevor das Baby rauskommt.

Natürlich kann man zu diesem Zeitpunkt keine ganzen Absätze mehr streichen oder einen ganz anderen Text schicken. Wobei man das schon können kann, aber das zerhaut dem Grafiker die ganze Layout-Datei, und damit macht man sich so kurz vor dem Drucktermin nicht direkt Freunde. Wenn ich jetzt also beim Ganz-Genau-Lesen gemerkt hätte: „oh nein, niemals“, hätte ich nur noch Kommas ändern können und fingernagel- und gummibärenmampfend zuschauen müssen, wie das Zeug gedruckt und verbreitet wird. Das Foto von mir ist supersuperdoof ausgeschnitten, aber das lass ich jetzt so.

Der gute Kant, der Immanuel, hat es anscheinend gebracht, Sekunden vor dem Druck nochmal die Buchstaben umstellen zu lassen, weil ihm des nachts noch genauere, passende Formulierungen für seine Ideen eingefallen sind.

Ich glaube übrigens, die Druckfahne wurde erfunden, damit dem Drucker die Fahne erspart bleibt.

Und warum schreib ich das alles? Weil das meine Art ist, riesengroße Freude zu zeigen.

Ohne Worte


Heute haben wir an der Uni etwas Revolutionäres gemacht. Wir haben Texte geschrieben. Jaha. Im Masterstudiengang Literarisches Schreiben haben wir heute Texte geschrieben. Jeder. Mussten vorlesen, unsere Lieblingstexte wählen und die besten Spontanautoren bekamen einen Stern. Für wen sich das jetzt nach Kindergarten anhört – dem oder der würde ich auf die Schultern klopfen, Recht haben Sie.

Das Ganze war inspiriert von einem Buch, das ich hier nicht nennen werde. Es schlägt verschiedene Szenarien vor und enthält Würfel mit Piktogrammen. Man nimmt fünf Würfel und schreibt dann eine Geschichte zu den fünf gewürfelten Bildern. In drei Minuten.

Es gab fünf Runden. Nach der ersten Runde habe ich mir überlegt, was ich vortäuschen kann, um sofort das Seminar verlassen zu können. Denn wenn ich sonst etwas schreibe, durchläuft es mindestens 23 Runden, wahrscheinlicher aber 72 Runden der Selbstkritik und Überarbeitung, bevor überhaupt irgendein menschliches Wesen das lesen darf. Seit diesem Seminar weiß ich: manche Menschen können spontan druckfähige Texte verfassen, so wie manche Menschen druckreif reden können. Ich gehöre zu keiner von den beiden Gruppen, sondern immer noch zu denen mit 23 bzw. 72 Überarbeitungsrunden.

Ich fragte mich: Wurde diese Aktion in der letzten Sitzung oder per Mail angekündigt? Und wie konnte ich das verpassen? Dafür bin ich aufgestanden?

Und nachdem ich zwei Mal zwei grottenschlechte Texte (Kostproben? Wirklich? Wenn du dir absolut sicher bist, dann scroll weiter runter, aber überleg’s dir vorher nochmal gut) vorgelesen habe und mich aus meiner Sicht vor meinem halben Jahrgang komplett zur Äffin gemacht hatte und ich mal so gar keine Sternchen, nicht mal einen herausgepressten Lacher bekommen habe, passierte etwas Wunderbares. Es war mir egal.

Genau. Was blieb mir auch übrig? Wir sollten uns eigentlich alle viel öfters zu Affen machen, denn in den meisten Fällen wird

NICHTS

passieren. Außer, dass wir entspannt werden, so war es zumindest bei mir. Geholfen hat auch, dass ab der dritten Runde doch mal eine Stimme für mich oder ein Lacher kam.

Also Freundinnen und Freunde: wann habt ihr euch das letzte Mal richtig blamiert?

Und für alle, die jetzt Bock auf Fremdschämen haben, hier meine Texte, oder etwas, das einem Text äußerlich ähnelt. Die kursiven Wörter sind die erwürfelten Begriffe, die man im Text unterbringen musste. Vor jedem Würfeln musste man außerdem ein „Szenario“ wählen.

Szenario „Wahrsager“:

Die Wahrsagerin war ein Drache, aber einfach die Beste. Sie ließ sich nicht mit Geld bezahlen, sondern mit Geschenken. Am Telefon hatte sie mir mit einem osteuropäischen Akzent gesagt: „einen Fußball, für meinen Sohn.“ Durch die ganze Stadt war ich gehetzt, tat so, als wäre ich eine Mutter (Maske)

Szenario „Moderne Kunst“

Der Drache zieht den Gewichtheber nach oben, die Stadt sieht von oben aus wie ein Schaltkreis (ja, in dem Spiel gibt’s wirklich so Fiesigkeiten wie Schaltkreis), sicher wurden die Farben mit dem Föhn getrocknet, Daumen hoch.

Szenario „Heiratsantrag“

Liebling, ohne dich könnte ich genauso wenig sein wie ohne meinen Fernseher, aber du bist viel mehr, meine Liebe für dich ist so groß wie ein Blauwal. Du füllst immer rechtzeitig die elektrischen Salz– und Pfeffermühlen auf. Magst du die Säulen in meinem Leben sein?

[Untergekriegt habe ich nicht: Thermometer]

Szenario  „Patentamt“

Ich melde ein Patent für Superameisen an, die niedere Tätigkeiten verrichten können. Sie werden Polizeiautos steuern können, Wohnungen streichen [Farbrolle] und bei der Victoria’s Secret-Modenschau [Unterhose] mitlaufen.

Szenario „Seemannsgarn“

Kürzlich am Amazonas, als ich meiner Frau ein Parfümimitat kaufen wollte, kam plötzlich ein Teddybär angerudert. Er trug eine Schwimmweste und war ganz aufgeregt, weil er gerade einer Quietscheente das Leben gerettet hatte. Ein Zirkel steckte in ihrem Hals, der Teddy hatte sie mit einem Luftröhrenschnitt gerettet.

Good to be here


Ich reg mich hier schon sehr viel übers Studium auf und denke immer wieder darüber nach, es zu schmeißen. Die Sache ist nur: ich kann mich aufregen und aufregen, aber selbst wenn Kommilitonen mir zustimmen, gibt’s am Ende des Tages keine Medaille dafür. Und irgendwann habe ich keinen Bock mehr auf die ganze negative Energie. Aufregen kostet mich Kraft und macht Falten und erhöht meinen Blutdruck und so weiter. Ich bestrafe mich damit eigentlich nur selbst, weil ich mich damit selbst belaste.

Aber gestern hab ich mal gesehen, dass es doch eigentlich ziemlich geil ist. Warum?

1.) Weil ich Pfingsten mit tollen Frauen in der Natur verbracht habe. Drei Tage Paddeln machen, dass ich mich stark und stolz fühle, aber auch klein und demütig. Versuch mal in einem Kajak vorwärts zu kommen, wenn ständig Motorboote an dir vorbeifahren und Wellen verursachen und du weißt, wie sich vielleicht Staaten in der dritten Welt fühlen. Weil mir Mückenstiche irgendwann egal waren und ich so viele Süßigkeiten durcheinander gegessen habe wie schon lange nicht mehr. Ich bin davon noch schön träge, so dass ich meine Bewerbung gestern für ein Stipendium mit einer schönen Gleichmütigkeit fertiggemacht habe und dachte: ich lass das jetzt so. Es wird schon reichen.

1a) Wegen des Lieblingsfundstücks des Tages: „Wear sunscreen“ (cheers to one of the awesome canoe ladies!). Da steht unter anderem drin, dass Sorgen über die Zukunft machen ungefähr so effektiv ist wie zu versuchen, eine Algebra-Gleichung durch Kaugummi-Kauen zu lösen. Und dass mein sich Sorgen machendes Hirn die richtig krassen Sachen gar nicht voraussehen kann. Das tat mir gut.

2.) Weil ich für diese Bewerbung ein richtig fettes Gutachten von meinem Mentor bekommen habe. Der Mentor ist ein bekannter Autor – die Mutter einer Freundin ist Fan und würde ausflippen, wenn sie wüsste, dass ich ihn duze. Im Gutachten steht drin, wie toll ich mich entwickelt habe und alles ist ganz herrlich übertrieben, aber auch voller Wahrheit, und ich werde es mir an die Wand pinnen. Da sind Schreibfehler drin, der Gute kennt den Unterschied zwischen Sie und sie und Ihre und ihre nicht.

3.) Weil ich erfahren habe, dass das eine Projekt bei bei meinem vorigen Job keine Fördermittel bekommen hat. Meine dortige Chefin hatte mir vor Monaten provisorisch eine Stelle ab September in diesem Projekt angeboten, ich hatte abgelehnt aber seitdem manchmal doch gedacht: hm. hm. Aber jetzt bleibe ich erst recht hier, in Hildi.

Wisst ihr was?


Wisst ihr, dass ich es viel einfacher finde, keine Chips zuhause zu haben? Denn dann muss ich mir während DSDS keine Gedanken machen, ob ich jetzt Chips essen muss / will / soll / darf. Am besten ziehe ich mir gegen 20:15 meinen Schlafanzug an, so dass ich – falls ich mir unten im Kiosk Chips kaufen wollte – mich erst umziehen müsste. Ergebnis: ich esse gegen 21:30 statt Chips die Reste meiner leckeren Spaghetti mit Tomatensoße und Zucchini und gehe um 22:10 zufrieden ins Bett.

Wisst ihr, dass es sehr praktisch ist, wenn die Webseite, auf der ich sonst den Mondkalender nachschaue, aus irgendeinem Grund verschwunden ist? Wenn ich also nicht nachschauen kann, ob und wann heute eine Mondpause ist. (Mondpausen sind unterschiedlich lange Phasen, während denen man sich ausruhen soll, nichts Neues und / oder Wichtiges machen soll). Denn so habe ich heute einfach die neue Geschichte für einen Wettbewerb fertiggemacht und abgeschickt, ohne zu wissen, wie der Mond gerade stand. Bei einer Mondpause hätte ich sonst überlegt, ob ich überhaupt schreiben sollte, denn das bringt bestimmt nichts, mir wird nichts einfallen, denn ich sollte eigentlich ausruhen, und selbst wenn mir etwas einfällt, wird es nicht zum Erfolg führen, ich könnte höchstens sonst heute Nacht schreiben, wenn die Mondpause vorbei ist. Hoffentlich geht die Seite nie wieder online.

Habt ihr auch so etwas, bei dem ihr irgendwann gemerkt habt, dass ihr besser ohne lebt?

enjoy the sun!

Um die Ohren hauen


Das „Um-die-Ohren-Hauen“ ist eine wichtige Instanz beim Schreibprozess. Es ist die super-ultimative zuverlässige Bremse.

Denn in Schreibwerkstätten wollen hilfsbereite Menschen Sätze identifizieren, die „Ihnen später jeder Lektor um die Ohren haut“ oder die „Ihnen später jeder Literaturkritiker um die Ohren haut“. Tun Sätze weh? Soll man einfach Strg-X machen und gut ist, ungefähr so wie ein Kilo abnehmen und gut ist? Machen Sie das 12 Wochen lang und Sie sind perfekt, ebenso wie Ihr Text? So dass man mir irgendwann nichts mehr um die Ohren hauen kann?

Und kann ich die Um-die-Ohren-Hauen-Sätze nicht einfach drin lassen, denn falls ich so viel Glück haben sollte, dass mein Roman überhaupt veröffentlicht wird und dann noch das Riesenglück habe, dass er bei knapp 100.000 Neuerscheinungen pro Jahr überhaupt von irgendjemandem rezensiert wird, können sie mir soviel um die Ohren hauen wie sie wollen, oder? Und möchte ich wirklich den Literaturkritikern ihre – vielleicht einzige – Freude nehmen?

Ich schreibe gerade einen Text für einen Wettbewerb, eine ganz neue Geschichte, zu der mich die neue Frau inspiriert hat. Wir kommen dabei beide schräg rüber, sie glaube ich noch weniger schräg als ich. Soll ich die Geschichte abschicken mit dem Risiko, dass sie unter die ersten zehn kommt und veröffentlicht wird? Für wie eitel halte ich mich eigentlich zu glauben, dass sie Top Ten wird?* Falls wir wirklich zusammenkommen sollten UND ich in die Top Ten komme, kriegt sie die Geschichte mit. Wird sie es verstehen oder wird sie mir die Geschichte um die Ohren hauen? Setze ich mit der Einreichung der Geschichte eine bis jetzt nicht existierende Beziehung aufs Spiel? Soll ich andersherum auf einen möglichen Punkt in meiner aktuell leeren Publikationsliste verzichten, nur weil ich vielleicht unter irgendwelchen glücklichen Umständen, die ich mir momentan nicht ausdenken kann, mit dieser Frau zusammenkommen könnte?

Zu viele Variablen, das hasse ich.

Vielleicht würde mir ein Skihelm gut stehen.

* mittel-eitel, würde ich sagen, und die schiere Logik sagt, dass sich bei den Wettbewerben und Stipendien ca. 10-20 Menschen pro Preis / Stipendium bewerben, also wenn man das wie ich schon seit einer Weile macht, ist es irgendwann soweit.

Die Beschmissenheit


Seit Tagen geht mir ein umständliches Wort im Kopf herum, das meine Situation hier ziemlich gut beschreibt. Beschmissenheit.

Normalerweise nehme ich Philosophen und andere Menschen, die umständliche Wörter kreieren, nicht ernst. Martin Heidegger sprach z.B. von der Geworfenheit des Menschen in die Welt, was bei mir, als ich das Wort in einer Vorlesung hörte, einen Lachanfall auslöste. Geworfenheit soll ausdrücken, dass der Mensch sich nicht ausgesucht hat, auf der Welt zu sein. Ich habe einen Abschluss in Philosophie, finde aber, dass man – sollte man es notwendig finden, über dieses Phänomen zu reden – auch eine Verbkonstruktion verwenden kann (es sei denn, man ist JuristIn).

Das würde dann so lauten: „Der Mensch wurde in die Welt geworfen“.

Oder: „Die Annahme, dass der Mensch in die Welt geworfen wurde, ist eine wichtige Voraussetzung für blablabla“.

Oder: (gerade noch so): „Das Geworfen-Sein…“

Und jetzt tu ich das auch. Ich rede von meiner Beschmissenheit, und zwar im Master Literarisches Schreiben. Manche überlesen vielleicht auch das m in Beschmissenheit, diese Doppeldeutigkeit ist gewollt. Für eine Kommilitonin ist das Studium hier beschissen, sie geht zurück in ihren alten Beruf. Wir haben sie gestern verabschiedet und dabei alle zusammen ein paar Runden übers Studium gemeckert. Sie war im ersten Semester meine Lieblingskommilitonin, meine Stütze, bei der ich mich oft ausgekotzt habe. Es war schön mit ihr. Aber auch sehr meckerig. Und gerade will ich mal nicht meckern.

Es sind noch zehn Tage bis Semesterbeginn und egal was andere jetzt schon Schlechtes über die Seminare und Dozenten prophezeien: ich find’s geil. Ich weiß nicht, was kommt, aber ich finde es geil, hier zu sein. Wegen der Beschmissenheit.

Ich fühle mich wie ein Kind in einem riesengroßen Sandkasten, das die ganze Zeit mit Dingen beschmissen wird. Ich darf den ganzen Tag spielen und ausprobieren und entdecken, und es kommt immer mehr dazu, Berge von Spielzeug, Wagenladungen von Sand, auch ganz viel heiße Luft, ganz viel Scheiß, giftiges Spielzeug, das unter dubiosen Bedingungen produziert wurde, Vintage Stuff (leider viel zu wenig davon), ich muss aufpassen, davon nicht erdrückt zu werden, und manchmal landet das Zeug auch am Kopf oder anderen empfindlichen Stellen, das tut weh und bewirkt im Nachhinein, dass ich entweder einen großen Bogen um den Werfer mache oder aber mich freue und mit viel mehr Spaß weiterspiele. Und manchmal schiebe ich das alles zur Seite und suche mir außerhalb etwas zum Spielen.

Und ja, der Spielplatz ist mir zu unorganisiert, manchmal viel zu oberflächlich und gleichgültig, manchmal viel zu schwierig.

Trotzdem glaube ich, dass ich sehr viel aus dieser Beschmissenheit ziehe. Ich habe am Anfang gemeint, ich werde mit Konfetti beworfen und kann mir die Taschen damit vollschaufeln. Aber es sind große, schwere Brocken, von denen ich Rücken- und Kopfschmerzen kriege, wenn ich sie alle einpacke.

Gefühlt kann ich von all dem Zeug zwischen 3 und 5% brauchen. Betriebswirtschaftlich gesehen ist das eine ganz schlechte Investition, vor allem angesichts der 780 Euro Semestergebühr. Aber da die insgesamte Beschmissenheit so unvorstellbar groß ist, kommt da richtig viel zusammen.

Wie beim Goldsuchen. 

lesbische Sexszenen


In meinem Roman gibt es im ersten Kapitel eine Sexszene zwischen zwei Frauen. Mein Hildesheimer Mentor und andere sagen, dass Sexszenen schwierig zu schreiben sind, als wäre das ein Grund, sich gar nicht daran zu versuchen.

Was ist eigentlich eine gute Sexszene oder eine gute erotische Kurzgeschichte? fraulinde findet: sie soll Intimität darstellen. Sie soll ein bisschen scharf sein. Sie soll lebendig wirken. Es soll die Vertrautheit der beiden Figuren rüberkommen. Vielleicht ist auch eine der Figuren gehemmt und / oder denkt, Sex mit einer Frau ist etwas Schlimmes und Dreckiges. Vielleicht kommen die Spannung einer Figur oder Beziehung rüber.

Ich habe deshalb mal geschaut, wie andere Menschen lesbischen Sex darstellen. Ich fand in meiner Stadtbibliothek Bisse und Küsse. Das sind Sammlungen lesbischer Erotikgeschichten von verschiedenen Autorinnen. Nachdem ich ungefähr zehn Geschichten gelesen habe, möchte ich mich gerne vor Judith Hüller verneigen („Babysitterboogie“ in Bisse und Küsse Nr. 4). Wer sie jetzt googelt, findet Diddl-Bücher unter ihrem Namen, wobei ich hoffe, dass sie weiterhin Erotik schreibt! (über entsprechende Hinweise freut sich fraulinde)

Folgende Merkmale haben Frau Hüllers Text zu einer grandiosen Sexgeschichte gemacht:

  • die Ich-Erzählerin (=Hauptfigur) hat eine eigene, markante Stimme, was dazu führt, dass man sie sich gut vorstellen kann.
  • um die Ich-Erzählerin herum gibt es noch zwei Nebenfiguren, die interessante Eigenschaften haben, aber nicht zuviel Raum einnehmen. Die Art, wie die Hauptfigur von ihnen erzählt, gibt Aufschluss über den Charakter der Hauptfigur und ihre Situation. Dass sie wenig Geld hat, notgeil ist, sich als Checkerin fühlt und sich immer wieder mit ihrem Mitbewohner kabbelt.
  • es gibt einen Handlungsstrang, so gut wie keine Rückblende, kein Wechsel der Erzählperspektive, sondern die Erzählung steuert auf den Sexakt zu. Finde ich wunderbar. Ich betone den einen Handlungsstrang so sehr, weil es in Bisse und Küsse Erzählungen mit mehreren Erzählperspektiven und Handlungssträngen gibt und ich das bei kurzen Texten einfach zu viel finde. Sagen wir so: ich will mich genüsslich der Sexszene nähern und nicht mehrmals nachlesen, wer jetzt wer ist und wer gerade erzählt und so. Wenn ich komplizierte Konstellationen will, lese ich „Anna Karenina“.
  • Der Sex wird weder verklärt noch romantisiert, sondern hat Hitze, Animalität, Spannung, ein bisschen Schwärmerei.
  • In der Erzählung wird ein schöner Gegensatz geschaffen zum Sex, nämlich das Babysitten. Ich glaube, dadurch, dass die beiden erst das Baby versorgen und ins Bett bringen und das eben so mütterlich, fürsorglich und unschuldig ist, wirkt die Erotik stärker.
  • Die Erzählung findet es ok, dass sie wahrscheinlich einhändig gelesen wird und versucht nicht, durch komplizierte Strukturen hochliterarisch zu wirken. Hochliterarisch kann nämlich superabtörnend wirken.

Dies ist mein Geschmack bezüglich Erotik und Literatur. Wie ist eurer? Klassisch, experimentell, schörkellos, abgefahren, romantisch, deftig, irgendwelche bestimmten Themen…?

Ich bin wochenlang richtiggehend an der Liebesszene in meinem Roman verzweifelt und finde erst jetzt, dass ich sie halbwegs so lassen kann. Ich denke dann: ist das normal? Sollte ich nicht lieber beruflich etwas anderes machen? Etwas, bei dem ich pro Tag mehr als drei gescheite Sätze hinkriege?

Mich törnt Schreiben über Sex meistens auch an, weil ich mir die Szene ja vorstelle. Es ist also nicht nur aus dem Fenster starren, Worte wie bei einem Zauberwürfel hin- und herdrehen, sinnieren, Sätze löschen etc..

Für weitere Inspirationen werde ich „Salz auf unserer Haut“ noch einmal lesen, danke für den Tipp, Ms Heaven! Wer noch nicht an meiner Umfrage zu lesbischem Sex in Literatur teilgenommen hat, darf dies hier gerne nachholen.