Ohne Worte


Heute haben wir an der Uni etwas Revolutionäres gemacht. Wir haben Texte geschrieben. Jaha. Im Masterstudiengang Literarisches Schreiben haben wir heute Texte geschrieben. Jeder. Mussten vorlesen, unsere Lieblingstexte wählen und die besten Spontanautoren bekamen einen Stern. Für wen sich das jetzt nach Kindergarten anhört – dem oder der würde ich auf die Schultern klopfen, Recht haben Sie.

Das Ganze war inspiriert von einem Buch, das ich hier nicht nennen werde. Es schlägt verschiedene Szenarien vor und enthält Würfel mit Piktogrammen. Man nimmt fünf Würfel und schreibt dann eine Geschichte zu den fünf gewürfelten Bildern. In drei Minuten.

Es gab fünf Runden. Nach der ersten Runde habe ich mir überlegt, was ich vortäuschen kann, um sofort das Seminar verlassen zu können. Denn wenn ich sonst etwas schreibe, durchläuft es mindestens 23 Runden, wahrscheinlicher aber 72 Runden der Selbstkritik und Überarbeitung, bevor überhaupt irgendein menschliches Wesen das lesen darf. Seit diesem Seminar weiß ich: manche Menschen können spontan druckfähige Texte verfassen, so wie manche Menschen druckreif reden können. Ich gehöre zu keiner von den beiden Gruppen, sondern immer noch zu denen mit 23 bzw. 72 Überarbeitungsrunden.

Ich fragte mich: Wurde diese Aktion in der letzten Sitzung oder per Mail angekündigt? Und wie konnte ich das verpassen? Dafür bin ich aufgestanden?

Und nachdem ich zwei Mal zwei grottenschlechte Texte (Kostproben? Wirklich? Wenn du dir absolut sicher bist, dann scroll weiter runter, aber überleg’s dir vorher nochmal gut) vorgelesen habe und mich aus meiner Sicht vor meinem halben Jahrgang komplett zur Äffin gemacht hatte und ich mal so gar keine Sternchen, nicht mal einen herausgepressten Lacher bekommen habe, passierte etwas Wunderbares. Es war mir egal.

Genau. Was blieb mir auch übrig? Wir sollten uns eigentlich alle viel öfters zu Affen machen, denn in den meisten Fällen wird

NICHTS

passieren. Außer, dass wir entspannt werden, so war es zumindest bei mir. Geholfen hat auch, dass ab der dritten Runde doch mal eine Stimme für mich oder ein Lacher kam.

Also Freundinnen und Freunde: wann habt ihr euch das letzte Mal richtig blamiert?

Und für alle, die jetzt Bock auf Fremdschämen haben, hier meine Texte, oder etwas, das einem Text äußerlich ähnelt. Die kursiven Wörter sind die erwürfelten Begriffe, die man im Text unterbringen musste. Vor jedem Würfeln musste man außerdem ein „Szenario“ wählen.

Szenario „Wahrsager“:

Die Wahrsagerin war ein Drache, aber einfach die Beste. Sie ließ sich nicht mit Geld bezahlen, sondern mit Geschenken. Am Telefon hatte sie mir mit einem osteuropäischen Akzent gesagt: „einen Fußball, für meinen Sohn.“ Durch die ganze Stadt war ich gehetzt, tat so, als wäre ich eine Mutter (Maske)

Szenario „Moderne Kunst“

Der Drache zieht den Gewichtheber nach oben, die Stadt sieht von oben aus wie ein Schaltkreis (ja, in dem Spiel gibt’s wirklich so Fiesigkeiten wie Schaltkreis), sicher wurden die Farben mit dem Föhn getrocknet, Daumen hoch.

Szenario „Heiratsantrag“

Liebling, ohne dich könnte ich genauso wenig sein wie ohne meinen Fernseher, aber du bist viel mehr, meine Liebe für dich ist so groß wie ein Blauwal. Du füllst immer rechtzeitig die elektrischen Salz– und Pfeffermühlen auf. Magst du die Säulen in meinem Leben sein?

[Untergekriegt habe ich nicht: Thermometer]

Szenario  „Patentamt“

Ich melde ein Patent für Superameisen an, die niedere Tätigkeiten verrichten können. Sie werden Polizeiautos steuern können, Wohnungen streichen [Farbrolle] und bei der Victoria’s Secret-Modenschau [Unterhose] mitlaufen.

Szenario „Seemannsgarn“

Kürzlich am Amazonas, als ich meiner Frau ein Parfümimitat kaufen wollte, kam plötzlich ein Teddybär angerudert. Er trug eine Schwimmweste und war ganz aufgeregt, weil er gerade einer Quietscheente das Leben gerettet hatte. Ein Zirkel steckte in ihrem Hals, der Teddy hatte sie mit einem Luftröhrenschnitt gerettet.

Schrotthandys im Literaturbetrieb


Gestern im Seminar habe ich erfahren, dass ich ein Lubit (oder so ähnlich bin). Ich sage schon einmal gleich, dass ich das Wort falsch verstanden habe und keine Ahnung habe, wie es richtig heißt.

Im Seminar ging’s unter anderem um den Literaturbetrieb und die LeserInnenn. Diese lassen sich in verschiedene Segmente fassen, was uns der Dozent am Beispiel des Smartphones erklärt hat.

  • Die Innovatoren erfinden das Smartphone.
  • Dann kommt die Avantgarde, die als Multiplikator fungiert. Die Avantgarde ist also begeistert vom Smartphone und erzählt allen davon.
  • Das Smartphone kommt beim frühen Mainstream an, also denen, die vor dem Gravis Store übernachten, wenn das neue Smartphone herauskommt, obwohl sie es fünf Wochen später über Amazon bestellen können.
  • Dann breitet es sich auch auf den späten Mainstream aus. Spätestens dann wird das Smartphone zum Bestseller.
  • Und dann kommen die Lubiten-oder-so-ähnlich. Sie verweigern sich dem Neuen und greifen das Smartphone als letztes auf, und zwar genau dann, wenn es keine anderen Handys mehr gibt. Stellt euch hier ein Foto von mir vor (natürlich mit einer analogen Kamera aufgenommen, im Fotolabor entwickelt, eingescannt und hochgeladen).

Ich wusste schon lange, dass ich mir erst ein Smartphone kaufen werde, wenn es keine anderen Handys mehr gibt, und dann auch erst, wenn meine ganzen anderen gebrauchten Handys kaputt sind. Aber es ist toll, einen – wenn auch falsch verstandenen –  Namen für dieses Phänomen zu haben. Meine Seminarkollegen kann ich zum richtigen Namen übrigens nicht befragen, denn sie haben auf ihren Zetteln gemalt, auf ihren MacBooks geklimpert, die Smartphones bedient und Haarspitzen auf Spliss kontrolliert.

Der Dozent meinte, wir sind die Innovatoren, wir Literarisches-Schreiben-Studenten. Aha. Auch das ist interessant zu wissen. Und wir müssen dann die Multiplikatoren von unserem literarischen Smartphone überzeugen. Natürlich hat er das nicht als ultimative Weisheit ausgegeben, sondern nur ein Modell, und ich nehme das mit diesem Blogartikel schon viel zu ernst. Aber kann ich wirklich eine literarische Innovatorin sein, wenn ich handymäßig eine Neuheiten-Verweigererin bin?

Mein Handy ist ein Nokia 3410 mit schwarz-weißem Display und analogen Klingeltönen. Ich habe es mir 2005 neu gekauft, da war es schon mehrere Jahre auf dem Markt. Es hat ich weiß nicht wie viele Stürze aus 1,50 m Höhe sowie zwei neuere Nokia-Modelle mit polyphonen Klingeltönen (die Halloween-Titelmelodie!!) und Kamera überlebt. Das eine ging an ein bisschen Wodka auf einer Party zugrunde nach nur einem halben Jahr gemeinsamen Weges, das andere verabschiedete sich mit einem permanenten weißen Bildschirm nach 1,5 Jahren. Also bin ich zum ersten Nokia zurückgekehrt. Eine andere Masterstudentin rief, als ich vor Seminarbeginn kürzlich mein Handy checkte, begeistert aus: „cool, auch ein Schrotthandy!“ und legte ihres, das aus der gleichen Epoche stammen dürfte, daneben. Yeah.

Meine Freunde – Multiplikatoren bzw. früher Mainstream – sagen, dass ihr i-phone super zum Surfen, für Apps, für so ziemlich alles ist, man nur nicht gescheit damit telefonieren kann. Einer ist wieder zu seinem alten Handy zurückgekehrt. Was nützt mir also ein innovativer Text, wenn ich die Zeichen nicht lesen kann (ich suche noch nach der richtigen Analogie)?

Ich denke, mein Roman wird thematisch etwas neues darstellen, aber meine Erzählweise wird klassisch sein. Ja, ich will eine Geschichte erzählen und die Menschen unterhalten und berühren, und wenn ich mich hier umsehe, habe ich Angst, dass so etwas für die anderen ein Schrotthandy ist. Dafür können Schrotthandys auch ziemlich unverwüstlich sein.

Mein Roman wird über dem Niveau eines Heftromans sein (das sind die für € 1,50 in den Bahnhofsbuchhandlungen) und sprachlich gewandter als 50 Shades of Grey ausfallen, kürzere Sätze als bei Thomas Mann, dafür eindeutigere homoerotische Tendenzen aufweisen, und ob Elke Heidenreich beim Lesen meines Romans weint oder nicht (ich finde die Frau klasse, keine Frage), ist beim Schreiben jetzt auch noch kein Kriterium.

Ich will einfach mein eigenes Ding machen, und ob ich dabei konservativ (warum hat unser lieber Dozent eigentlich nicht einfach dieses Word anstatt des komischen L-Wortes verwendet) oder innovativ oder sonstwas bin, ist mir jetzt mal egal.

Wie alt sind eure Handys? Habt ihr nun auch Lust, euch für den Master hier zu bewerben 🙂 ? Und wie ist eure Meinung zu Elke Heidenreich?

Ersatzdroge


Ich habe eine Schwäche für Chips. Und an Chips schmecken mir natürlich nicht die ach so ausgesuchten Kartoffeln oder das „beste“ Sonnenblumenöl, in dem sie frittiert wurden. Nein. Das, was mich immer wieder zur Chipstüte greifen lässt, ist die Gewürzmischung. Es ist dieses super-herzhafte, leicht rauchige Aroma.

Jetzt meine ich, dieses Aroma isoliert gefunden zu haben, nämlich als Paprikapulver mit Raucharoma. Das Ganze kommt aus einem Beutel mit der Aufschrift „Paprika la Vera“ – geräucherter Paprika aus Spanien. Das Zeug ist echt perfekt! Ich kann es auf Ofenkartoffeln, Eiersalat, you name it streuen, und kriege sofort diesen Geschmack meiner Lieblingschips. Und das Geile ist: es besteht nur aus geräucherten Paprikaschoten und schmeckt leicht scharf; es ist keine Gewürzmischung.

Das Paprikapulver habe ich an einem Gewürzstand in der Stuttgarter Markthalle gefunden, das Beutelchen für 1,50. Kriegste auch übers Internet.

Der Vorteil? Ich muss feiertags nicht zur Tankstelle dappen und mein halbes Taschengeld für nicht mal 200 Gramm Chips verbraten, sondern kann mir das Pülverchen einfach über selbstgemachtes, gesünderes Essen streuen. Take that, Lieblingschipshersteller! Wobei das Paprikapulver so lecker ist, dass ich heute doppelt soviel Eiersalat verputzt habe wie sonst. Naja! Probiert es aus und schreibt mir, ob’s bei euch auch wirkt!

Sperrmüll


Sperrmüll ist für mich wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Ich kenne die Gehwege meiner Gegend so gut, dass mir sofort auffällt, wenn etwas Zusätzliches dort steht oder liegt. Dann freue ich mich. Und seit einigen Jahren gibt es ja nicht mehr nur zwei Spermüll-Termine pro Jahr, sondern ca. jeden Monat einen. Das heißt: ganz viele Feiertage für mich.

Kürzlich war auch wieder einer. Ein guter.

Sperrmüll an sich rockt. Denn man kann so schön Leute damit schockieren. („Ich habe da mal ein wunderschönes Schafsfell von IKEA gefunden, es ist jetzt mein Bettvorleger.“ Antwort: „Iiiiih“. Meine Beschwichtigung: „Es lag ganz oben drauf.“)

Sperrmüll ist anarchisch. Es bringt die Menschen zusammen und man kommt ins Gespräch („Das ist aber ein schöner Spiegel,“ sage ich zu dem älteren Mann mit dunklem Schnauzer, der mit einem Lumpen über das Spiegelglas reibt und mit der Taschenlampe beleuchtet. Er zeigt auf kleine Pünktchen auf dem Glas. Ich: „das ist normal bei so alten Spiegeln, das sieht man im normalen Licht nicht.“ Ich wühle im selben Haufen und bitte den Herrn, mir mit der Taschenlampe zu leuchten.)

Sperrmüll bietet die Möglichkeit, wertvolle Rohstoffe weiterzuverwenden. Heute sah ich, wie ein Mann den Deckel von einer Art Kühlschrank oder Mini-Herd aufgeklappt hatte und Teile aus dem Innern herausschraubte. Ich hätte ihn gerne gefragt, an welchen Teilen er interessiert ist, aber ich verstehe nicht so viel vom Innenleben elektrischer Geräte.

Beim vorletzten Sperrmüll sichtete ich einen sehr großen Sperrmüll-Haufen und bemerkte einen attraktiven Mann in meinem Alter, der den Haufen von allen Seiten mit einer Spiegelreflexkamera fotografierte. Ich sagte, dass die Sachen wirklich schön sind, nur leider ist das eine Tischchen schon etwas kaputt, und er klagte mir sein Leid, dass er kaum die Sachen rausgestellt hatte, da fingen die Leute schon an sie durchzwühlen und auf dem ganzen Gehweg zu verteilen, und dass er es jetzt fotografierte, damit morgen früh nicht noch zwei Waschmaschinen dastehen. Stünde ich auf Männer, wäre das ein Super-Gesprächseinstieg und der mögliche Beginn von etwas Dauerhaftem.

Ich bin mir auch klar darüber, dass so „dumpster diving“ für mich ein Spaß ist, aber andere Menschen wirklich nicht genug Geld für Möbel oder überhaupt für ihren Lebensunterhalt haben – und gleichzeitig haben andere so viel Geld, dass sie noch brauchbare, oft sogar schöne, wertvolle Möbel wegschmeißen.

Ich liebe den Sperrmüll, weil die Dinge nichts kosten, weil es direkt vor der Haustür ist und man sie nicht weit nach Hause schleppen muss und weil die Teile oft viel origineller sind als das, was man neu in den Läden bekommt. Meine Freunde bewundern gerade die Möbelstücke, die ich oder meine Mutter (sie hat mich zum Glück damit angesteckt) vom Gehweg gezogen haben.

Ich gehe dabei nicht wahllos vor (ich schleppte einmal zwei Eisenstühle durch die ganze Stadt und in den 2. Stock – im Dunkeln sahen sie super aus, aber im Licht sah man, dass sie dunkle Macken hatten – tolles Workout für die Arme, aber die kamen gleich zum nächsten Sperrmüll).

Meine Grundsätze:

  • Sperrmüll-Gegenstände möglichst bei Tageslicht betrachten
  • Nur Dinge mitnehmen, die ganz sind (wenn ich schöne, aber kaputte Dinge mitnehmen würde, hätte ich bald den ganzen Keller voll mit „unerledigten Projekten“)
  • Hände weg von Dingen, die ein Kabel haben (wg. möglichem Stromschlag oder Kurzschluss oder so was)
  • Nur Dinge, die halbwegs sauber sind (also keine Kissen, die seit Tagen in einer Pfütze liegen)
  • Nur Dinge, die man gut waschen oder putzen kann.
  • Normalerweise nehme ich auch kein Geschirr, weil man wirklich nicht weiß, ob in der hübschen Tasse nicht mal Terpentin war oder so.
  • Nur Dinge, die ich mit bloßen Händen nach Hause trage (z.B. kleiner Tisch, Stühle…)

Meistens entscheide ich mich für kleine Dekosachen, kürzlich z.B. ein rosa Kissen, eine flauschige Decke, eine kleine Tasche und eine Dose für Kleinkruschd. Die Sachen sind richtig schön vintage, total geil.

  • Zuhause betrachte ich die Sachen erst einmal genauer bei Licht. Haben sie irgendwelche großen Macken, ist irgendetwas Ekliges dabei?
  • Ich bin mir darüber klar, dass das Zeug von der Straße kommt und da auch mal Glasscherben oder übler Dreck dran sein kann. Deshalb vorsichtig anfassen, notfalls mit Handschuhen; in jedem Fall die Hände danach gründlich waschen.
  • Textilien wasche ich mit 60 Grad (Feinwäsche, niedrige Schleuderzahl) – da wird es für mich sauber genug (es heißt ja immer, dass 60 Grad auch für Unterwäsche und Putzlappen ok ist, also…).
  • Empfindliche Sachen wasche ich im Kissenbezug. Der ist auch praktisch, falls der Stoff sich beim Waschen in seine Bestandteile auflöst – dann landen diese nämlich nicht in der Waschmaschine.
  • Dosen oder andere Oberflächen werden mit Spülmittel gut sauber. Ich reibe sogar behandeltes Holz mit Spülmittel ab. Wenn es damit nicht sauber wird, müsste es man mit einer Mischung aus Terpentin und Aceton putzen, aber da weiß ich gerade das Mischverhältnis nicht, also büdde googeln, ja?

Das rosa Kissen ist jetzt der Blickfang in meinem Wohnzimmer. Vom Rest habe ich mich dann doch wieder getrennt. Die Dose bekam ich nicht richtig sauber, die Decke war nach dem Waschen sehr ausgedünnt, und die Tasche wurde im Wasserbad brüchig.

Aber bald ist ja wieder ein Feier-, äh, Sperrmülltag.

gebt mal der Bahn ne Pause


Wisst ihr, was ich absolut unoriginell, langweilig und nervig finde? Wenn Leute über die Deutsche Bahn meckern. Es gibt sogar ein geistloses Buch darüber, vielleicht die Bibel aller Bahn-Meckerer.

Wisst ihr, über was ich mich aufrege? Über Leute, die über die Bahn meckern. Was gibts zu meckern? Ja, sie mag nicht immer pünktlich sein. Ja, die Züge mögen überfüllt sein. Ja, für das Tarifsystem braucht man mindestens ein Philosophie-Grundstudium. Und einen Wochenend-Intensivkurs an der VHS für die neuen Fahrkartenautomaten mit Touch-Screen. (Übrigens: warum hat inzwischen fast die Hälfte aller Menschen freiwillig ein Handy mit Touchscreen, weigert sich aber, sich mit dem Fahrkartenautomaten auseinanderzusetzen?)

Ich fahre viel Bahn. Ich bin stolze BahnCard25-Besitzerin, habe auch noch eine Monatskarte vom örtlichen Tarifverbund, blicke im Tarifchaos halbwegs durch und schaffe es meistens, dem Fahrkartenautomaten in weniger als 3 Minuten ein Baden-Württemberg-Ticket single abzuluchsen. Ich freue mich auch nicht, wenn ein Zug mal Verspätung hat – kürzlich fiel ein Zug einfach mal ganz aus – und ich saß in meinem Dorf fest. Aber anstatt das als völlige Inkompetenz der DB zu werten, bin ich einfach in den nahegelegenen Supermarkt vor der Kälte geflüchtet. Meine Freunde mussten eine halbe Stunde auf mich warten – auch nicht super, aber ist es das Ende der Welt?

Ich denke, jeder hat eine Story, wo einem die Bahn einen Strich durch die wohl durchdachten Reisepläne gemacht hat. Wo die ausgedruckte „Fahrtempfehlung“ einfach nur die bestmögliche, aber unrealistische Reiseroute darstellt. Ich habe schon teure ICE-Tickets gelöst, und musste dann 40 Minuten lang im Zug stehen – ich habe schon teuere ICE-Tickets gelöst, und kam später als der günstigere IC an. Und immer wieder die Situation, dass Menschen von beiden Seiten in denselben Waggon einsteigen, sich in der Mitte des Waggons treffen und aneinander vorbeiwollen. Alles schon erlebt. Und trotzdem mag ich die Bahn.

Sie bringt mich überall hin – irgendwann.

Was mich aufregt, ist, wenn Menschen hohe Ansprüche an einen IRE (Interregioexpress) haben. Das ist ein Zug, der meistens so schnell wie ein IC ist, kaum hält, und den man aber noch mit den Ländertickets oder dem Wochenend-Ticket beutzen kann. Sie wollen einen Viererplatz für sich alleine, und das natürlich am Freitagabend. Und dafür nicht mehr als 20 Euro ausgeben. Wenn aus irgendeinem unerfindlichen Grund die Anzahl der Passagiere die der Viererplätze übersteigt, ist die Bahn schuld. Dann heißt es genervt: „oh, die Züge sind so scheiße!“ Dabei ärgern sich die Menschen nur, dass ihr ach so geniales Sparvorhaben nicht aufgegangen ist. Weil nämlich alle Menschen die selbe Idee haben.

Dabei hat die Bahn einige IREs schon mit extra Abstellfläche für Gepäck ausgestattet.  Weil sie weiß, dass die Leute lieber laufen würden, als 10 Euro mehr für einen komfortableren Zug auszugeben. Ja, die IREs sind attraktiv für Urlauber. Manche Leute nehmen ihre komplette Snowboard-Ausrüstung in den IRE – und verteilen sie so auf den Viererplätzen, dass es 90% der Menschen peinlich ist, zu fragen, ob da noch ein Platz frei ist. Und wenn dann jemand Forsches kommt, der darauf besteht, sich dort hinzusitzen, sind die Züge scheiße. Anstatt vielleicht mal zu überlegen, ob man vielleicht die Erwartungen zu hoch sind?

Der Snowboarder oder die Dame mit ihrem silbernen Hartschalenkoffer größer als mein Kleiderschrank könnten folgendes tun:

– statt eines Ländertickets einfach mal gucken, wieviel teurer denn die IC oder ICE-Verbindung ist (da gibts ja wiederum die Sparpreise, wenn man im Voraus bucht). Und dann überlegen, ob man den höheren Preis für deutlich mehr Komfort und mehr Platz haben möchte.

– nicht gerade am Freitag- oder Sonntagabend fahren. Da fahren nämlich alle, falls ihr es noch nicht gemerkt habt.

– weniger Gepäck mitnehmen

– die Habseligkeiten anstatt in ein riesengroßes, sperriges Gepäckstück lieber in zwei kleine Rucksäcke oder Taschen zu packen, die man unter dem Sitz oder im Gitter über dem Sitz verstauen kann.

Hört nur einfach bitte auf, für kleines Geld Spitzenkomfort zu erwarten. Und macht Platz für andere Leute.

zukünftige Ex-Honorarkraft


meine Honorartätigkeit wurde mir heute mit dreiwöchiger Frist gekündigt.

Im Vertrag steht „vier Wochen Kündigungsfrist“. Egal.

Ich will nur, dass allen, die sich auf eine Honorartätigkeit einlassen, klar ist, was es bedeutet. Deshalb hier ein paar Tipps für Honorarkräfte, Selbständige – alles aus eigener Erfahrung, aber ohne Gewähr.

1) Egal wie sicher die Auftragslage, die Projekte etc. des Betriebs scheinen: als Honorarkraft hat man kaum Sicherheit. Theoretisch können sie einem wahrscheinlich auch von heute auf morgen kündigen.

2) Der Auftraggeber hat bei Honorarkräften auch die Möglichkeit, die Stundenzahl, die man pro Woche oder Monat arbeiten darf, zu reduzieren. Er kann z.B. sagen: im August ist bei uns wenig los, da kannst du zuhause bleiben. Oder: wir haben gerade wenig Aufträge, also darfst du nur noch 10 Stunden pro Woche arbeiten.

– das hört sich ja erstmal verständlich an. Aber du musst dann eben schauen, wie du eine Weile ohne oder mit weniger Geld klar kommst. Außerdem hast du ja vielleicht Fixkosten wie die Krankenversicherung, was ja schonmal bis zu 200 oder 300 Euro ausmachen kann.

3.) Urlaub und Krankheit sind natürlich unbezahlt. Allderings können sie dir auch nicht verbieten Urlaub zu machen. Blöd gucken können sie zwar, sie können es auch mental abspeichern als „die macht ja mit uns was sie will“, aber verbieten können sie es nicht.

4.) Als Honorarkraft bist du leichter loszuwerden als jemand fest Angestelltes. Wenn eine Dumpfbacke vor vielen Jahren mal einen unbefristeten Vertrag bekommen hat, und aufgrund ihrer Unfähigkeit immer wieder von Abteilung zu Abteilung geschoben worden, und nun für deine Abteilung vorgesehen ist – was passiert dann wohl? Die fitte, kreative multitaskingfähige Honorarkraft muss weichen.

5.) Man bekommt sein Gehalt nicht zum 1. des Monats, sondern muss – um überhaupt Geld zu bekommen – eine Rechnung schreiben, auf dieser ein Zahlungsziel angeben, die irgendwo einreichen, die wird dann bearbeitet, und irgendwann landet der Betrag dann auf deinem Konto. Da kann es dann auch mal der 1. des übernächsten Monats werden – muss nicht, aber kann.

6.) Versuch mal, als alleinstehende Honorarkraft einen Kredit zu bekommen! Hah! Auch wenn heute selbst Daimler Kurzarbeit macht und Leute entlässt und selbst der Stempel auf der Stirn „Daimler-Mitarbeiter“ nicht mehr heißt als „ich arbeite heute, jetzt, in diesem Moment bei Daimler“. Du bist Honorarkraft. Aber sicher auch redegewandt – ich wünsch es dir. Auch bei der Wohnungssuche sind die Vermieter inzwischen schon so schlau, dass sie sich mit „ich bin berufstätig“ nicht mehr zufrieden geben, sie fragen sofort auch nach Befristungen, bzw. ob man angestellt ist.

7.) Als schlecht bezahlte Honorarkraft kann man eh kaum etwas zur Seite legen. Aber du musst dennoch damit rechnen, dass du irgendwann irgendwo etwas nachzahlen musst oder ab sofort doch monatliche Beträge abführen musst.

a) bei der Steuer: Wenn du nicht schon jeden Monat Vorsteuer oder Umsatzsteuer abführen musst, musst du erst zu einem späteren Zeitpunkt einen Batzen auf einmal zahlen – und zwar dann, wenn du die Einkommenssteuererklärung gemacht hast: dann wird ermittelt, wieviel Umsatzsteuer und Einkommenssteuer du zahlen musst. Das musst du dann dem Finanzamt überweisen. Also dafür solltest du unbedingt etwas zur Seite legen.

b) Krankenversicherung. Das ist ein für mich immer noch etwas undurchsichtiges Kapitel. Je nach Familienstand (ja, eheähnliche Gemeinschaften zählen auch), Gesamthaushaltseinkommen, sonstige Vermögen, Arbeitsstunden pro Woche, Monatseinkommen… musst du ganz unterschiedliche Beiträge zahlen. Am besten überlegst du dir zu Beginn der Tätigkeit, welche Stundenzahl und welches Monatseinkommen sinnvoll ist.

Aber Achtung: wehe, es ändert sich etwas an deiner Stundenzahl oder dem Einkommen, oder dein/e Partner/in verliert auf einmal den Job oder läuft dir ganz davon… Dann sieht es mit der Krankenversicherung alles wieder ganz anders aus und du musst unter Umständen wieder höhere Beiträge abführen. Also dafür auch vielleicht irgendeine Reserve haben… ja, ich weiß…

c) Rentenversicherung: sagen wir mal so: in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen darfst du als Honorarkraft immer. Gute Nachrichten, oder?! Aber je nach Art der Tätigkeit MUSST du in die RV einzahlen – meines Wissens z.B. bei Lehrtätigkeiten, und zwar 19,5 % vom Gehalt. Eine Freundin hat das jetzt nach einem Jahr Lehrtätigkeit erfahren… Existenzgründer können sich machmal auch befreien lassen, aber bei manchen Tätigkeiten geht das wohl nicht. Das Gute bei der Rentenversicherung ist, dass man zwar monatliche Beiträge abführen muss, es aber später wieder ausgeglichen wird, wenn man den Steuerbescheid einreicht und ersichtlich ist, wieviel du tatsächlich verdient hast – ähnlich wie bei der Gas-/Stromrechnung.

Ich weiß, manchmal hat man keine Wahl, ob man einen Job als Honorarkraft annimmt oder nicht – viele Jobs sind nur auf Honorarbasis ausgeschrieben. Ich will euch nicht abschrecken, aber es muss euch einfach klar sein, was da auf euch zukommen kann.

show me the money


In letzter Zeit hatte ich drei Mal den Fall, wo ich nach meiner Gehalts- bzw. Honorarvorstellung gefragt wurde. Ich habe überlegt, was ich verlangen soll. Hab mir den Job bzw. den zu übersetzenden Text angeschaut. Nochmal angeschaut und mir überlegt, wielange ich dafür brauchen würde, wieviel Schmerzensgeld angemessen ist. Ich habe versucht, den Aufwand realistisch einzuschätzen, ebenso meine Qualifikationen. Und habe eine Zahl gesagt.

Ich habe alle drei Jobs bzw. Aufträge nicht bekommen, weil die Zahl zu hoch war. Einmal wollten sie 25% weniger, in einem anderen Fall nur ein Drittel von meiner Honorarvorstellung zahlen.

Lustig, wie mir das immer passiert. Man muss dazu sagen: auf den Job und die beiden Aufträge war ich nicht besonders scharf, und ich dachte: wenn ich das mache, dann muss es wenigstens gut entlohnt werden.

Aber es ist so: wenn ich eine Übersetzung mache, wenn ich egal welchen Job mache, mache ich ihn sehr gut. Fraulindes Übersetzung kostet vielleicht das doppelte, aber eine Übersetzung, von der sich die Übersetzerin nicht mal ein warmes Essen kaufen kann, macht auch nicht glücklich. Klar, manchmal reicht eine einfache Übersetzung, der man ihre Übersetztheit anmerkt und sogar noch auf die Originalsprache schließen kann. Aber bei sowas sträubt sich mir alles. Ich geb die Übersetzung erst aus der Hand, wenn sie meinem Anspruch an stilistisch einwandfreies Deutsch genügt (diesem Anspruch genüge ich hier selbst oft nicht, i know, aber das ist was anderes).

Tja, was tun?! Übersetzungen machen mir nur Spaß, wenn ich mir dafür etwas Zeit lassen kann. Und es ist auch schwierig, für eine Übersetzung viel Geld zu verlagen mit dem Argument, dass man sie besonders gut macht – denn gute Übersetzungen fallen nicht auf. Keiner liest ein Buch und sagt: Mensch, das ist aber eine super Übersetzung. Nein, wenn die Übersetzung gut ist, sagt der Leser: whow, das ist aber ein tolles Buch und der Autor kann so treffend schreiben.

Cheers to all translators! Falls jemand eine Tabelle mit Übersetzerhonoraren weiß, bitte einen Kommentar hinterlassen!