Build your own Lesbian

Manche wollen sich ihren Traummann oder ihre Traumfrau ja backen. Aber wäre es nicht gut, wenn man sich seinen Partner selbst zusammenbauen könnte, Teil für Teil, wie einen Computer?

Das vorweg: ich halte nicht viel von den Labels „Butch“ und „Femme“, „männliche“ oder „weibliche“ Lesbe, maskulin/feminin… Aber das ist jetzt mal egal. Der ideale Lesbenbausatz würde einen Drehknopf haben, mit dem man den Weiblich-Männlichkeitsgrad einstellen könnte. Er hätte auch eine  Röckchen-Option.

Ich hab vor einer Weile eine Frau gedatet, die man als Butch bezeichnen würde. Sie trug eine Lederjacke über einem karierten C&A-Männerhemd; ihre kurzen, strammen Beine steckten in schwarzen Jeans,  ihre Kurzhaarfrisur war von ein paar ausrasierten Streifen am Hinterkopf durchzogen. Ich trug Jeans, Winterstiefel und einen enganliegenden Rollkragenpulli. Die Frau sagte zu mir: „Du bist heute aber ganz schön zugeknöpft, und deine Stiefel sind auch nicht besonders weiblich.“ Peng! Heute weiß ich, dass Reden bei solchen Auffassungen nichts hilft, sondern einfach nur umdrehen und beim Weggehen noch ein bisschen die Hüften schwingen. Nach dem Motto: du willst weiblich? Dann sei eine Butch mit Klasse. Einerseits findest du’s toll, dass ich dich um 1,5 Köpfe überrage, andererseits hast du kein Verständnis dafür, dass meine Stiefel wegen Schuhgröße 43 aus der Männerabteilung sind.

Manchen kann es nicht weiblich genug sein – oder das, was sie für weiblich halten. Die Partnerinnen dieser Dame müssen Röckchen und Blüschen tragen – egal bei welchem Wetter. Vielleicht würde ich das eventuell unter irgendwelchen Umständen mal tun: sicher aber nur für eine Butch, die  mindestens ebenso viel Zeit für ihr Styling und ihre Klamottenwahl verwendet hat wie ich. Die coolen, niederkniewürdigen Butches hassen sich nicht dafür, Frau zu sein, sondern gehen lässig mit dieser Tatsache um. Sie müssen sich auch mal von einer Femme die Für aufhalten lassen. Sie sind sich nicht zu schade dafür sind, ihre Haare so zu stylen, dass sie nach Frisur aussehen. Sie greifen nicht mit zitternden Händen zur Zigarette, wenn ich im Spaß sage: „ich bin dein Nachtisch, Baby!“

Das ist also eine Frau, die ihr Butchsein für meinen Geschmack nicht konsequent durchzieht. Da würde ich dann am Weiblich-Männlich-Rad etwas nach rechts drehen, und sie mich wahrscheinlich ganz weit nach links.

Es gibt aber auch Lesben, die aus meiner Sicht sehr männlich sind, sich selbst aber für gemäßigt halten. Eine Bekannte von mir ist so: sie hält sich für gemäßigt, ist aber eigentlich supermännlich, und leidet aber darunter, dass andere sie als männlich wahrnehmen. Babe, let me tell you: „du hast kurze, streng zur Seite gegelte Haare, trägst auf der Piste deine Brille, T-Shirts mit Macho-Sprüchen („I don’t mind a dirty girl“) und Uhren mit breitem Lederarmband. Beim Tanzen bewegst du dich etwas eckig. Klingelt da was?“ Ich glaube nein. Sie reagiert empfindlich, wenn andere sie als männlich sehen. Sie steht nämlich eher auf männliche Frauen, also nicht auf solche Frauen wie sie, sondern eher der männliche Typ. Erstens mal käme für sie theoretisch nur Arnold Schwarzenegger als Partnerin in Frage. Zweitens gibt es nun mal Frisuren, Klamotten und Accessoires, die in unserer Gesellschaft als männlich oder weiblich gelten. Vielleicht müsste sie einfach nur mal bei H&M in der Damenabteilung (ja ich weiß, ist hart) einkaufen und die Haare etwas wachsen lassen. Und einen gescheiten BH tragen. Wenn sie nicht will, dass alle sie als männlich sehen.

Das wäre also das alte Thema feminin und maskulin.

Das andere wichtige Element ist ja die Bildung. Viele Frauen suchen eine Frau mit Niveau / „gebildet“ / eine Akademikerin. Weil man ja selbst so gebildet ist und jemanden sucht, mit dem man sich niveauvoll oder tiefgründig unterhalten kann. Zurück zur butchigen Dame: sie ist Lehrerin an einer Brennpunkthauptschule, bringt dort Jugendlichen Naturwissenschaften und soziale Kompetenzen bei. Sie hat dafür meinen größten Respekt. Bei ihren ersten Emails habe ich mir allerdings aufgrund des nicht unfallfreien Satzbaus gedacht, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache sein kann. Ist es aber schon.

Sie bat mich, etwas von meinem Philosophie-Studium zu erzählen, und ich begann, die Sprachphilosophie des späten Wittgenstein auszuführen. Ich habe im Studium monatelang gebraucht, um seine Ausführungen ansatzweise zu verstehen, aber die Hauptschullehrerin meinte tatsächlich, nach kurzem Überlegen seine Theorien entkräften können, mit der bloßen Brillanz ihres „gebildeten“ Verstandes. Sie gab nicht auf, ich fing an mich zu langweilen, das Hetero-Paar am Nebentisch rätselte immer noch, ob mein Gegenüber Mann oder Frau ist. Später wird der Mann ihr folgen, als sie zur Toilette geht, und somit im Damen-WC landen.

Wenn man schon Niveau will, darf man nicht glauben, mit etwas Allgemeinbildung und gesundem Menschenverstand philosophische, über Jahre ausgeklügelte Konzepte zum Einstürzen bringen zu können. Wenn man schon von einer Frau verlangt, im Winter Röcke zu tragen, und egal ob Rock oder nicht, immer rasierte Beine zu haben, sollte man vielleicht nicht freimütig zugeben, sich selbst noch nie nie nie rasiert zu haben.

Es ist doch so: man will eine Partnerin mit Niveau, aber bitteschön nicht zuviel Niveau. Gerade so, dass sie die eigene Intelligenz bestätigt, aber auch nicht überfordert und bloß nicht die eventuell schnell erreichten Grenzen des eigenen Verstandes aufzeigt. Man will eine Frau mit babyweicher Haut, ohne selbst auch nur ein einziges Körperhaar lassen zu wollen.

Es sollte einfach die Möglichkeit geben, sich eine Lesbe Teil für Teil zusammenbauen zu können. Nach dem Motto: ein Philosophieseminar an der VHS gerne, Magister in Philosophie nein – da würde man nur für etwas bezahlen, das man nicht nutzt. Wie die 500 GB-Festplatte. Ich bräuchte keine so große Festplatte, auch wenn das im Moment Standard ist. Auf meinem Laptop sind weniger als 20 GB Speicher belegt. Es ist wie mit dem Philosophie-Studium – etwas, das sich vielleicht im ersten Moment schick anhört, aber auf Dauer nur stört und den Computer verlangsamt

Ich weiß nicht, was die Leute unter Niveau verstehen. Oder unter gebildet. Oder weiblich, männlich, attraktiv. „Ich bin ja so furchtbar kultiviert und möchte eine Partnerin, die mit mir in die Oper geht, schick dabei aussieht und während der Aufführung keine SMS schreibt.“ Gähn! Geschenkt!

Mir ist das männlich weiblich gebildet ungebildet sowas von egal. Ich schreib das alles nur, weil mich die Hauptschullehrerin wirklich verletzt hat. Nicht mal mit ihren Aussagen über meine klobigen Stiefel, meinen nicht vorhandenen Rock. Nein, später am Abend des zweiten Dates fingen wir an, Händchen zu halten, Oberschenkel zu streicheln, so viel herumzufummeln, wie in einem (Hetero-)Café gerade noch geht. Sie hat – trotz ihres männlichen Äußeren – genau gespürt, wie ich gerne berührt werden mag. Sie fährt mich nach Hause, lässt sich von mir aber nicht küssen, weil sie sich nicht beherrschen könnte.

Am nächsten Tag schickt sie mir per SMS eine Abfuhr. Und das hat mich verletzt. Gehört sich das für eine Möchtegern-Butch? Nein, für überhaupt niemanden! Also wenn es mal einen Lesbenbausatz mit dem Upgrade  „anständig behandeln“ gibt, schlage ich zu.

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8 Gedanken zu „Build your own Lesbian

  1. Och nö, jetzt habe ich hier gerade geklickt und wo ist das Back-Rezept für die Butch? Oder wenigstens ein Bastelbogen.
    Making‘ Mizz Lesb. 😉

    Seltsam, ich und meine Liebste haben sich immer gegen Stereotypen wie Butch und Femme gewehrt.
    WIr könnten usn auch nicht einigen, wer was sein müsste. 😉
    Ich weiß ja, das sowas nur ein Spiel ist, aber ich finde diese „männlich“/“weiblich“-Getue nicht so spannend. Aber wehe, eine ist im Rock oder Kleid (was machte eine schon in der Pfingst-Hitze des LFT schwitzen? Niemals, also Luftiges) auf einem Lesbenfest(ival). Skandal, was sagte eine mal: Da werden die tragbaren Scheiterhaufen ausgeklappt.

    Ich trage Kleidung nicht nach Vorschrift und bin trotzdem eine Lesbe.
    Ich brauche keine ideologischen Elternersatzpersonen, die mir als Erwachsene Vorhaltungen machen, dass ich nicht nach dem Lesbenklischee aussehen will, dabei schaue ich auch nicht wie das Hetenfräulein aus. 😉
    Von dem was ich beruflich im IT-Bereich mache, könnte eine das Butchig nennen. Größe über 180 soll ja auch nicht gerade ein Zeichen von Femmness sein, oder? Aber ich will mich nicht so festlegen, wohlmöglich würde ich, heutzutage jung, eine Lipstick Butch genannt. Keine Ahnung. Ist auch nicht so lebensrelevant.

    Jede soll so charaktermäßig spielen wie sie will, nur keine Übertreibungen, ich kann platte Hetenplagiate von M/F nicht so leiden.

    Ich finde Butches schon richtig nett und interessant, Femmes aber auch. Hätte ich eben mehr Auswahl, wenn ich müsste. Mir ist der Charakter wichtig, nicht ihr Outfit (feministische 80er-Jahre-Prägung?).

    • ich überlege mir gerade wieder, mir meine Haare kurz schneiden zu lassen, weil es einfach so viel praktischer ist. Aber dann weißen mit auf öffentlichen Toiletten die Toilettenfrauen immer zur Herrentoilette, und das will ich nun auch nicht 😦 bin halt auch groß!
      Ich find’s schön, wenn eine Frau authentisch ist – das merkt man sofort, finde ich. ich mache auch immer so phasen durch: mal schminke ich mich, dann trage ich viel schmuck, dann trage ich wieder nur die allerbequemsten sachen, dann wieder hübsche schuhe, dann wieder turnschuhe

      • Fraulinde, this post made my day! Ich habe echt gelacht.
        Ein bisschen muss ich aber noch schimpfen, nämlich: Es gibt „Butches“ und „Femmes“ auch in authentisch, nicht nur als wandelnde Klischees.
        Und zu der Hauptschullehrerin: Die hat einfach total beknackte Ansprüche und führt sich auf wie ein Typ der Frauen bis jetzt nur im Fernsehen gesehen hat. Meines Erachtens nach ist eine tolle Butch nur eine die ausreichend gentle(man?)(woman?) ist, ihre Liebste selbst entscheiden zu lassen ob sie sich eine Blasenentzündung zuziehen möchte oder nicht. Feminin ist mensch ja vorerst innen und das wird dann nach außen getragen.

      • hallo,

        danke für dein Kompliment und den Kommentar. ja, stimmt, ich hatte noch nie bedacht, dass es Butches und Femmes auch in authentisch gibt. Ich denke, bei manchen merkt man, dass sie sich als Butch oder Femme wohlfühlen und sie sich damit ein Stück weit identifizieren. Bei vielen anderen ist es einfach Getue. Hm, habe leider keinen Kontakt mehr zur Hauptschullehrerin, sonst würde ich ihr das schreiben. Danke und Grüße!

  2. Also jetzt noch mal Grüße nach meinem Outing als Femme.

    Das, was du über sie geschrieben hast klingt (für mich) nach einer Butch die mal dringend jemand erziehen muss. Die bisher einfach keine Konsequenzen dafür bekommen hat, sich zu blöde zu benehmen und die wohl dachte, poltern reicht um eine gute Butch zu sein.
    Nö…

    Und das was du da über dich selbst hast durchblicken lassen klingt danach, dass du gerne ein bisschen mehr zum Thema Femme lesen darfst. 😉

    Wo lernst du die Ladys und Gentlemen eigentlich immer kennen? Für mich ist Butch/Femme ja irgendwie so ein Dings, das ich bisher (fast) nur aus Büchern und von Tante Internet kenne…

    • Ääh, ja, gerne mehr über femmes, nur zu 🙂

      wo ich sie kennenlerne? übers internet (lesarion), oder ich sehe sie bei partys (rede dann aber nicht mit ihnen). ich kenne beruflich eine Frau, die sehr butch wirkt von ihren klamotten her, aber fast schüchtern ist. frage beantwortet? 🙂

  3. Hey 🙂
    Ich finde fast alle deine Artikel super! Ich mag die Ironie und dein Selbstebewusstsein, deine Offenheit und deinen Schreibstil!
    Bin nur durch Zufall auf diese Seite gestoßen, finde sie aber richtig super, der Kochpart interessiert mich nicht so, aber abgesehen davon mein neues Lielingsblog (ist es der oder das Blog???).
    LG Merkur 😀

    • Hallo Merkur,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Es freut mich, dass es dir hier gefällt, herzlich willkommen!

      Ich nenne es „den Blog“, weil ich Neutrum für englische Wörter doof finde (genauso wie: das Mail – schrecklich 🙂
      cheers!
      fraulinde

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