Abgesehen davon, dass ich das Wort W-Krise nicht mehr hören kann, abgesehen davon, dass ich an die Krise nicht glaube…
Die Banken wünschen sich bei einem größeren Kredit, dass der Antragssteller eine Festanstellung hat und aus der Probezeit raus ist. Die Vermieter wollen natürlich auch, dass man in einer unbefristeten Beschäftigung ist. Klar, ich würde auch gerne mal mit Gisele Bündchen schlafen, aber leider ruft sie nie zurück.
Unbefristet Beschäftigte, die nicht von Kurzarbeit betroffen sind, die mehr als 1300 Euro netto verdienen, und die von heute aus gesehen bis zur Rente bei ihrer Firma bleiben können, sind wie Supermodels. One in a million. Das macht uns die W-Krise bewusst.
Wenn mir jemand etwas gibt, Geld leiht oder eine Wohnung vermietet, will er sich sicher fühlen. Sicher, dass ich die Rate oder die Miete zahlen kann. Und der Banker, der mich wegen einer Kreditanfrage berät, ist sicher so ein Supermodel. Der denkt, naja, so viel verlangt ist das doch nicht, ein unbefristeter Job.
DOCH, ist es. Sogar Ingenieure werden befristet eingestellt. Sogar die Stadtverwaltungen befristen ihre Neueinstellungen, zwar bis zum 1. Juli 2012 oder dem 25. August 2016 (der Banker denkt dabei wahrscheinlich: schön blöd, wer sich auf einen 3-Jahres-Vertrag einlässt).
Und let s face it: die Wirtschaftskrise hat nicht alles unsicherer gemacht. Es war alles schon immer unsicher. Die Krise hat es uns nur gezeigt. Im Leben ist nicht nur der Jobverlust das größte Risiko. (obwohl gerade alle so tun, als wäre es das). Es gibt noch Krankheit, Unfall, Liebesentzug, Einsamkeit, Obdachlosigkeit, Mangel an Ideen und Visionen.
Wenn ich meinem Banker sagen würde, meinem Supermodel: “hey, ich hab nur befristete Verträge, einer davon ist eine Honorartätigkeit, aber ich konnte bisher immer meine Miete gut bezahlen.” Oder: “ich habe viele Kontakte, so dass ich bald wieder etwas Neues finde, wenn ein Vertrag mal endet. Mir fällt immer was ein.”
Was fällt dem Banker ein? Der guckt mich kurz an, ob meines selbstbewussten Auftretens, als hätte er gerade ein Einhorn gesehen, greift zu seinem Taschenrechner und sagt: “tut mir leid, bei diesem Einkommen kann ich Ihnen keinen Kredit geben. Aber es spricht ja für Sie, dass Sie so ehrlich sind.”
Jeder will Sicherheit. Aber die gibts nicht. Die Personalchefs wollen Studienabschlüsse und Zertifikate und Weiterbildungen und 5 Jahre Berufserfahrung, und anschließend, wenn er nicht aufpasst, kriegt sich die neue Kollegin mit einer alten in die Haare, weil diese aus einem Dorf stammt, das mit ihrem Heimatdorf verfeindet ist. Oder die Kandidatin mit 5 Jahren exakt passender Berufserfahrung hat ein Gedächtnis wie ein Sieb. Mir sagte mal ein Chef, dass er keinen türkischen Mitarbeiter einstellen kann, da einer seiner Kollegen Albaner ist. Mir sagten Vermieter, ganz im Vertrauen: “Und das mit den Ausländern hält sich hier wirklich in Grenzen”. Sie dachten, es würde für die Wohnung und für sie als Vermieter sprechen. Tja.
Jeder will Sicherheit. Aber wie schon John Lennon sagte: Life is what happens to you while you re busy making other plans. (Leben ist das, was dir passiert, während du andere Pläne schmiedest)