Was ist eigentlich aus der guten alten Tradition geworden, wie sie mir von einer aus Rumänien stammenden Freundin überliefert wurde? Die Freundin war es als Kind gewohnt, mit ihrer Mutter oder ihren Verwandten, aktuelle Versandhauskataloge aus dem Westen unterm Arm, zur Schneiderin zu stapfen und zu fragen: kannst du mir das aus diesem Stoff machen?
Heute geht man nicht mehr zur Schneiderin, sondern zum Schönheitschirurgen, in die Apotheke für Schlankheitsdrinks, ins Fitnessstudio… Mit allem kann man tausende von Euro loswerden.
Warum denkt eigentlich keine daran, dass sie, bevor er sich die Brüste vergrößern, Fett absaugen, liften lässt, sich mal gescheit einkleidet?! Mit gescheit meine ich: Farben, die das Gesicht zum Leuchten bringen und Klamotten, die einem wie angegossen sitzen und das Beste aus der Figur machen.
Hm, nein, die Frauen (ich eingeschlossen) glauben lieber, mit ihnen stimmt was nicht, weil sie nicht in die neue XXX-Kollektion oder in sackartige T-Shirts von der Stange passen. So nach dem Motto: wenn mir die Standard-Klamotten nicht passen oder stehen, muss ich etwas an mir verändern. Und wenn ich dann im Fitness-Studio einen drei-Jahres-Vertrag abgeschlossen habe, wird es schon etwas bringen, oder?
Vielleicht. Vielleicht würde mich so ein Knebelvertrag zu einer durchtrainierten, strahlenden, gesunden Frau machen. Vielleicht hätte ich aber auch nach 2 Monaten keinen Spaß mehr daran und würde in den restlichen 34 Monaten jedes Mal einen Stich im Bauch spüren, wenn der Mitgliedsbeitrag fürs Fitnessstudio auf dem Kontoauszug erscheint.
Hey, ich bin für Sport, Bewegung, Fitness – ich brauche das, um mich wohlzufühlen mindestens ebensosehr wie Schokolade.
Es ist nur so: man muss sich darüber klar sein, dass wir alle unterschiedliche Figuren und Proportionen haben. Vielleichtwürde ich mir im Studio 15 Kilo abtrainieren. Dann kann es aber immer noch passieren, dass mir die T-Shirts und Hosen von der Stange nicht passen. Weil ich groß bin, breite Schultern, lange Arme, breite Hüften etc. habe. Manche Dinge kann man nur mit ganz ungesicherten, experimentellen Operationen ändern (Arme kürzen z.B.) – ok, das ist eklig und absolut indiskutabel.
Wir sind keine Menschen von der Stange.
Seit ich angefangen habe zu nähen, ist mir bewusst, an welchen Stellen man überall Klamotten anpassen kann: nicht nur die Länge von Ärmeln oder des ganzen Kleidungsstücks, nicht nur die Breite der Hüfte und Taille- sondern auch die Breite der Schultern, die Breite der Oberarme, den Brustumfang; man kann wunderbar am Rücken- und Vorderteil Abnäher anbringen, so dass die Figur optimal betont wird und das Teil nicht absteht, wenn man z.B. ein Hohlkreuz hat.
Und da ist es eigentlich fast wie ein Lottogewinn, wenn einem ein Kleidungsstück von der Stange halbwegs passt. Weil es eben so viele Parameter gibt, in denen wir uns unterscheiden.
Irgendwie kann man den Designern fast keinen Vorwurf machen, denn sie können nur versuchen, die Klamotten so zu machen, dass sie irgendeinem Teil von Frauen passen, die eben zufällig die gleiche Oberweite haben. Oder in einem anderen Fall den gleich langen Oberkörper, oder gleich lange Beine.
Es ist ja wunderbar, wenn man eine Klamottenmarke gefunden hat, bei der man weiß, dass sie einem passt. Mir passen z.B. die Jeans von C&A gut. Oder die Oberteile von Long Tall Sally.
Warum ist es uns / mir so wichtig, in Klamotten von der Stange reinzupassen? Warum ziehe ich stundenlang durch die Läden, um etwas passendes zu finden, nehme Unmengen von Klamotten (“denken Sie bitte nächstes Mal daran, maximal 5 Teile”) mit in die Umkleide, es passt nichts, ich werde frustriert, ich kaufe mir zum Trost Modesschmuck oder eine Brezel, weil ich zudem völlig ausgehungert bin…
Ja, es ist schade, dass mir die zum Teil richtig geilen Klamotten nicht passen. Und ich fühle mich so, als würde mir die schöne Kleidung vorenthalten. Als wäre es meine Schuld, dass mir die Sachen nicht passen. Wenn ich nur kleiner, schlanker, weniger kurvig wäre, könnte ich die schönste und bestgekleidete Frau der Welt werden.
Hm.Vor ein paar Tagen war ich beim H&M und hab eine wunderbare Bluse aus der Mollie-Abteilung probiert, die mir 3 Nummern zu groß war (leider gab es sie nicht mehr kleiner). Anstatt mich zu ärgern, hab ich mir den Schnitt genau angeguckt. Schießlich kann ich mir selbst eine solche Bluse nähen, wenn ich will – mit viel Geduld und Spucke zwar, aber immerhin.
Ätsch!