Da mein sozialversicherter Job ausgelaufen ist, muss ich leider wieder meiner “Lieblingstätigkeit” nachgehen und Bewerbungen schreiben. Da ruft mich eine Bekannte an, die einen kleinen Übersetzungsauftrag für mich hat. Und sie bestärkt mich darin, meinen Weg zu gehen, Geduld zu haben und damit zu rechnen, dass es Jahre dauern kann, bis man erste Erfolge sieht.
Sie hat 10 Jahre gebraucht, bis sie mit ihrem “Unternehmen” und ihrem besonderen Mix aus Dienstleistungen erste Erfolge erzielt hat. Sie sagt, ich soll Mut haben, das zu tun, was ich liebe. Und wenn man das tut, was man liebt, merken das die Leute, werden auf einen aufmerksam, möchten, dass man etwas für sie macht.
Das hat so gutgetan. Ich überlege mir gerade ernsthaft, mich hauptberuflich selbständig zu machen, aber ich biete so meiner Meinung nach völlig verschiedene Dienstleistungen an, die gar nicht zusammenpassen. Ich weiß gar nicht, wie ich damit auftreten soll. Aber ich denke, das Ganze kann sich entwickeln, die Idee kann sich entwickeln, und irgendwann wird etwas “Rundes” daraus. Es hat keinen Sinn, mich in irgendeine Schublade zu pressen, nur damit ich wie die anderen bin.
“Wer ständig versucht, wie die anderen zu sein, wird vor allem eins: gleicher.” Das ist leicht abgewandelt aus dem Buch “Alles, außer gewöhnlich” von Peter Kreuz und Anja Förster. Und irgendwie kann es ja – als Unternehmerin oder überhaupt – nie der Sinn sein, das gleiche anzubieten.
Beispiel: mein Wintermantel ist fertig. Er ist rostrot. Weniger als 1 % der Bevölkerung trägt rote Wintermäntel. Das heißt, ich falle auf mit dem Ding. Zwei Freunde haben – unabhängig voneinander – den Mantel als Nikolauskostüm gesehen, das nur noch durch eine rote Mütze mit blinkenden Herzchen ergänzt werden müsste. (Ich hab Euch trotzdem lieb!) Mir gefällt der Mantel, muss mich aber auch erst an seine Andersartigkeit und seine Blickfang-Qualitäten gewöhnen. (was sollte ich auch sonst machen als das Werk lieben lernen und es tragen, bis es sich auflöst?).
Meine Mutter hat mir als Kind und Jugendliche immer sehr viel genäht. Und selten sahen diese Klamotten aus wie die der anderen. Und so sehr ich meine Mutter liebe: manchmal habe ich mich für ihre selbstgenähten Klamotten geschämt, weil ich überzeugt war, dass man sieht, dass sie selbst genäht sind. Dass alle denken, wir haben nicht genug Geld, um Klamotten zu kaufen. Selbst nähen hat für mich so etwas Ärmliches – auch wenn’s meine Mutter nähtechnisch voll drauf hat.
Ich wollte nicht anders aussehen, ich wollte nicht auffallen. Ich wollte einfach nur die trendigen Klamotten, die auch meine Mitschüler hatten – sogar die Jeans mit Ledereinsatz an der Seite! (oh je, gabs das wirklich mal?) Ich wollte natürlich auch nicht die Billigversion aus irgendeinem Restpostengeschäft, sondern die coole, die so aussah wie alle anderen.
Und seit ich meinen rostroten Mantel ausführe, merke ich, dass ich diese leichte Angst immer noch habe: dass jemand merkt, dass der Mantel selbst genäht ist: nicht weil der Schnitt oder die Verarbeitung schlecht sind (das sind sie nämlich nicht), sondern weil er anders ist. Dass die Leute denken: wieso trägt sie sowas? Hat sie das nötig? Gerade ist doch lila in. Und der Kragen ist total unmodern, ebenso wie Raglan-Ärmel. Dass sie es fast als Beleidigung empfinden, dass ich so rumlaufe.
Am ersten Abend, als ich den Mantel anhatte, bin ich nachts eine halbe Stunde lang mit dem Zug nach Hause gefahren und es saßen 3 Weihnachtsmarkt-trunkene Mädels Anfang 20 um mich herum. Sie trugen alle schwarze Jacken. Und ich fühlte mich unwohl ob meines Mantels. Ich hatte Angst, dass sie mich anstarren, sich über mich lustig machen, denken: was ist das denn für eine Komische, die selbstgemachte Sachen trägt? Ich will nicht in diese langweilige Ökoschublade gesteckt werden… Ich will eher, dass die Leute denken: hey geil, wo hast du das denn her? (das sagen auch manche)
Oh je, das ist echt so ne Sache mit Selbermachen. Da braucht man schon auch Selbstbewusstsein. Immerhin tu ich mir die Klamotten freiwillig an – meine Mutter hilft mir beim Nähen, da ich Anfängerin bin. Es ist nicht so leicht, den eigenen Stil durchzuziehen. Oder habe ich nur Angst vor meinem eigenen Mut?