Gestern war ich mit Freundin M und ein paar anderen Menschen im Stuttgarter Palast der Republik. Vor dem Krieg war das vielleicht 15 m2 große Glasgebäude ein Klohäuschen. Der Palast gilt als coole, lässige Lokalität. Menschen holen sich drinnen ein abgestandenenes SchwabenBräu und setzen sich dann auf den Betonboden um das Häuschen oder stehen in Grüppchen herum. Dass sie dabei den Durchgangsweg für spät-arbeitende oder shoppende Menschen besetzen, passt schön zur Wir-sind-ja-so-genügsam-und-unkompliziert-Attitüde. So war das eigentlich immer.
Bis letztes Jahr Bänke am Palast auftauchten. Keine schrottigen Bierbänke, sondern solide Holzbänke mit Tischen. Seit diesem Jahr gibt es auch Plastikstühle, leere Bierkästen und runde Tische. Wenn die Herrentoilette im Untergeschoss nicht so stinken würde, könnte man fast meinen, man hätte es mit einem gediegenen Betrieb der Freiluftgastronomie zu tun. Also: früher war der Palast wirklich cool, jetzt ist er immer noch ganz ok cool. So cool, dass die Coolen ruhigen Gewissens hingehen und ihre farbenprächtigen Tattoos zur Schau stellen können. Dass sie sich entweder über weiß-behemdete Männer aus Dörfern ärgern können, die auf der Treppe sitzen, das Angebot an nackter weiblicher Haut begaffen und den Weg zur Bar blockieren, oder aber darüber, dass sie die Leuchtreklame aus dem Gravis-Store zu sehr blendet.
Beim Nachhauseweg mussten wir die Theodor-Heuss-Straße entlanggehen. Da sind auch viele, die denken, sie sind cool. Von denen wir aber denken, sie sind die Oberspießer. M schob ihr Fahrrad durch die Menschenaufläufe vor den „In-Bars“ und musste aufpassen, dabei keins der Mädchen in 10cm-Heels aus dem Gleichgewicht zu bringen. Alle haben sie sich in ihr schickstes Was auch immer geworfen, sind um halb zwölf schon sternhageldicht und erzählen morgen beim Sonntagsbraten, wie toll der Abend in der Stadt gestern war. M und ich fühlen uns in unseren verpöppelten Strickjacken und Schlabber-T-Shirts wie die Coolen aus Berlin und denken, dass die anderen bestimmt denken: hey, da kommen zwei Mädels aus Berlin. Vielleicht denken sie aber auch: denen sieht man echt an, dass sie aus der Provinz kommen. Können die sich für nen Abend in der Stadt nicht ein bisschen schick machen?
