Ein schwuler Freund, 16 Jahre älter als ich, hat mir nicht geglaubt, dass Lesben einander fisten.
Es ist nicht so, dass dieser Freund ein Kind von Traurigkeit ist. Nein, wenn ich mit ihm unterwegs war, konnte es passieren, dass er sich plötzlich von mir verabschiedete, in ein Taxi stieg und zu einer Schwulen-Disco fuhr, um dort mit einem Mann Sex zu haben. Dieser Freund hat so eine erotische Ausstrahlung, dass er automatisch alle Blicke auf sich zieht (nicht ganz unschuldig an dieser Ausstrahlung waren gelegentlich Substanzen wie Marihuana oder Kokain). Er ist unheimlich sexy und schön, Ende 40. Dieser Mann hat mir beigebracht, aus mir herauszugehen, mich auf andere Menschen sexuell einzulassen. Dass dabei nicht nur seine magische Ausstrahlung geholfen hat sondern auch mehrere Runden Bier, getoppt von Shots, ist eine andere Geschichte.
Und dieser Mann, der selbst mit wahrscheinlich hunderten von Männern in allen möglichen und unmöglichen Situation Sex hatte, kann sich nicht vorstellen, dass zwei Frauen einander fisten. Weil das so gewalttätig ist. Ich sage ihm, es ist nicht gewalttätig, man geht langsam vor.
Viele Menschen denken, Lesben küssen, streicheln und lecken einander stundenlang, und wenn sie total versaut sind, nehmen sie noch einen Dildo. Nicht gerade eine tolle Werbung für uns!! Es hört sich nach Blümchensex an, nach Langeweile, nach vegetarisch und Rohkost und Vollkornspaghetti.
Je nach Standpunkt müssen wir Lesben als Wichsvorlage für notgeile Männer herhalten, als Inspiration für gelangweilte Ehefrauen von Männern, deren Zunge nach 2 Minuten einschläft (diese Frauen haben sich eigentlich bisher vor lesbischem Sex geekelt, aber wenn’s in der Cosmo steht, kann man’s ja mal probieren). Wir Lesben haben entweder gar keinen Sex (Stichwort “lesbian bed death”) oder es schnallt sich immer die männlichere von uns einen Dildo um. In lesbischen Magazinen werden auch mal Analtoys getestet, damit der Rest des Magazins nicht so schrecklich bieder und lustfeindlich wirkt wie er bei Licht betrachtet ist.
Und irgendwie wissen alle, dass das Klischees sind und in Wirklichkeit etwas anderes in unseren Betten abgeht. Oder?
Ich weiß eigentlich gar nicht, was die Lesbe an sich im Bett macht. Ich weiß nur, was ich bisher gemacht habe, was Freundinnen machen, und was in den Büchern steht.
Selbst der Sex bei L-Word wird nach ein paar Folgen langweilig. Die Frauen sehen dabei immer so aus, als müssen sie unheimlich scharf beim Sex aussehen. And boy do they look hot. Sie wissen, dass sie scharf aussehen – und dass Dellen in ihren Oberschenkeln später zuverlässig wegretuschiert werden.
Dabei ist das Besondere am Sex ja gerade, dass man sich fallen lassen kann. Dass man einmal in diesem Flow ist, in dem das Aussehen nicht zählt, sondern nur Berührungen, Gerüche, Stöhnen, Haut, Hitze, Erregung. Wenn ich dann noch überlegen muss, ob ich gerade erregt gucke oder meine Brüste richtig liegen oder mein Haar erotisch zerzaust und nicht einfach nur zerzaust ist, macht es nicht mehr so viel Spaß.
Für manche Menschen erscheint lesbischer Sex “cute”, als Augenweide. Das kann er sein, muss er aber nicht. Es ist wie beim Flamenco. Wer sich nicht auskennt, denkt bei Flamenco an rot-schwarze Rüschenkleider, Fächer, schwarze Dutts und gefällige Gitarrenmusik, bei der jeder wunderbar mitklatschen kann. Das ist der Blümchensex-Flamenco, den man in Barcelona in den Tablaos auf der Rambla ebenso findet wie in Robinson-Clubs auf den kanarischen Inseln (vermute ich). Richtiger Flamenco hört sich für viele an, als hätte der Sänger Bauchweh, kein Rhythmusgefühl und die Noten für den restlichen Teil des Liedes zuhause vergessen. Flamenco ist nicht gefällig, sondern im besten Fall roh, unangepasst, wild, unter die Haut gehend, kathartisch.
Wir Lesben streicheln einander nicht stundenlang. Ich zumindest nicht. Der lesbische Sex, den ich bisher hatte, war auch nicht immer automatisch wunderschön und lebensverändernd und voller Liebe. Nur weil ich selbst eine Frau bin, heißt das nicht, dass ich automatisch weiß, was eine andere Frau mag, auf welche Berührungen sie abfährt.
Und was geht nun bei uns im Bett ab? Nun: ich habe nie eine Frau geleckt, während sich ein Mann dazu einen runtergeholt hat. Ich weiß nicht, wie scharf wir ausgesehen haben. Ein weiterer Klassiker, 69, ist trickier als man denkt und erfordert etwas Übung und Phantasie. Dildos haben wir so gut wie nie benutzt, für einen lesbischen Bettentod waren wir nicht lange genug zusammen, und Analdildos haben uns (noch) nicht interessiert.
Was da noch übrigbleibt? 4 Brüste, 2 Münder, 2 Vaginas, 4 Beine und Arme, 20 Finger und Hunderttausende von Haaren.
Was mich im Bett am meisten antörnt? Wenn ich mit einer Frau lachen kann.